OBSERVE

Grundlegende Bedingungen eines lernwirksamen Unterrichts erkennen. Untersuchungen zur pädagogisch-psychologischen Kompetenz zukünftiger Lehrpersonen (Prenzel / Seidel; 2007-2014)

Kurzbeschreibung

Laufzeit seit 2007

 

Im Zentrum der Forschung zu Kompetenzmodellen und -diagnostik standen bisher Schülerinnen und Schüler. Demgegenüber gibt es wenig Anstrengungen, die Kompetenzen von Lehrpersonen zu modellieren und zu erheben. Aus diesem Grund sollen in diesem Projekt pädagogisch-psychologische Kompetenzen von Lehrpersonen untersucht werden. Im Zentrum steht die Kompetenz von Lehrpersonen, pädagogisch-psychologische Grundbedingungen eines wirksamen Unterrichts zu beschreiben, und deren Wirkungen vorherzusagen und zu erklären. Das der Forschung zugrunde liegende Kompetenzmodell differenziert drei Teilkompetenzen, die auf systematisch untersuchte Grundbedingungen wirksamen Unterrichts bezogen werden. In dem Projekt werden neue Verfahren zur Erfassung von Lehrerkompetenzen eingesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass videographierte Unterrichtssituationen in Aufgabenformate umgesetzt werden können, die Aufschluss darüber geben, wie Lehrpersonen typische Anforderungen des Unterrichts bewältigen. In der hier beantragten ersten Projektphase sollen die zu entwickelnden Verfahren an einer Stichprobe von insgesamt 320 zukünftigen und erfahrenen Lehrpersonen erprobt und validiert werden. Das in diesem Projekt zu entwickelnde Instrument soll zunächst für Zwecke der Studienberatung eingesetzt werden können.

Forschungsstand 2009

Neben der Erfassung schülerbezogener Kompetenzen wächst immer stärker der Bedarf nach Möglichkeiten der situationsbezogenen und kontextualisierten Erfassung von Kompetenzen im Bereich der Professionalisierung von Lehrpersonen, welche den Kriterien eines validen und fairen Tests genügt. Neben ersten Ansätzen in Bezug auf inhaltlich-fachbezogene Kompetenzen von Lehrpersonen, fehlt es jedoch bisher an Instrumenten zur Erfassung pädagogisch-psychologischer Kompetenzen. Daher wurde im Rahmen des hiesigen Schwerpunktprogramms das Projekt OBSERVE gestartet. Im Projekt OBSERVE werden die Struktur und die Entwicklung einer professionellen Wahrnehmung von Unterricht bei Lehramtsstudierenden untersucht. Ein zentrales Ziel des Projekts stellt die Entwicklung eines videobasierten Diagnoseinstruments dar, welches die in der Lehrerforschung bisher eingesetzten „weichen“ Instrumente (Fragebogen, Interviews) deutlich erweitert (Frey 2006). Das Instrument – der OBSERVER - erfasst mittels videographierter Unterrichtssequenzen und hochinferenter Items im Ratingformat die professionelle Wahrnehmung von Unterricht in standardisierter Form.

Im Rahmen der ersten Förderphase des Schwerpunktprogramms wurde die Instrumentenentwicklung abgeschlossen. Zudem liegen Ergebnisse aus einer Pilotierungsstudie vor, mit der die Akzeptanz des Instruments bei Lehramtsstudierenden geprüft wurde. Diese Befunde zeigen, dass es mit dem OBSERVER gelingt, eine hohe Akzeptanz bei Lehramtsstudierenden in Bezug auf die Bearbeitung eines standardisierten Instruments zur Kompetenzerfassung zu erreichen. Damit besteht eine positive Grundlage für den systematischen Einsatz eines standardisierten Instruments im Rahmen der Evaluation der Lehrerausbildung an Hochschulen. Momentan wird das angenommene Kompetenzmodell anhand der Einschätzungen im OBSERVER (N=170) überprüft. Dafür werden Experteneinschätzungen der Unterrichtsausschnitte als Bezugsnorm eingesetzt und Maße für den Unterschied zwischen Studierenden- und Expertenmeinung gebildet (vgl. Seidel & Prenzel, 2007). Anhand von Methoden aus dem Bereich der Item-Response-Theorie wird das anvisierte Kompetenzmodell in Bezug auf das Beschreiben, Erklären und Vorhersagen von Lehr-Lern-Prozessen überprüft.

Forschungsstand 2011

Im Projekt Observe ist es im Verlauf der letzten drei Jahre gelungen, ein videobasiertes, standardisier-tes Instrument zur Erfassung der Professionellen Unterrichtswahrnehmung als wesentlicher Aspekt von Lehrerkompetenzen zu entwickeln. Die Entwicklung des Instruments erforderte dabei ausgeprägte Expertise in der videobasierten Unterrichtsforschung. Diese Expertise ist notwendig, um adäquat Vi-deosequenzen auswählen zu können, die wichtige Merkmale effektiver Unterrichtskomponenten ab-bilden. Darüber hinaus ist das Projekt neue Wege in der Umsetzung standardisierter Rating-Formate in diesem Forschungsbereich gegangen. Bislang erfolgte die Nutzug von Video als Item-Prompt aus-schließlich in Kombination mit offenen Antwortformaten. Die Etablierung einer Expertennorm zur stan-dardisierten Einschätzung der Unterrichtsequenzen führte zu sehr zufriedenstellenden Ergebnissen in der Übereinstimmung von Experten. Damit zeigte sich, dass Merkmale effektiver Unterrichtskompo-nenten in den Teilbereichen des Beschreibens, Erklärens und Vorhersagens von Experten durchaus einheitlich wahrgenommen und beurteilt werden können. Unter Anwendung von Modellen der Item-Response-Theorie erfolgte im Projekt Observe eine Prüfung der angenommenen Struktur der Profes-sionellen Unterrichtswahrnehmung, die international messtheoretischen Standards in Kompetenzmes-sungen gerecht wird. Die derzeitige Prüfung der Kompetenzstruktur an einer Stichprobe von N=1000 Studierenden lässt bislang ebenfalls den Schluss zu, dass sich die angenommene Struktur auch über unterschiedliche Stichproben und Studienbedingungen an Hochschulen replizieren lässt.

In der weiteren Prüfung des Instruments in der zweiten Förderphase wurde untersucht, ob mit dem Tool Observer entsprechend den Annahmen des Kompetenzmodells der Professionellen Unterrichts-wahrnehmung Entwicklungen abgebildet werden können. Dabei zeigte sich, dass unter variierenden Bedingungen in der Lehrerausbildung entsprechende Entwicklungen in der Professionellen Unter-richtswahrnehmung messbar und rekonstruierbar sind. Die größten Effektstärken (mit einer aufgeklär-ten Varianz von 40%) zeigen sich unter der Bedingung, dass Studierende im Verlauf der Messung (Pre-Post) wissensbezogene Kurse zum Thema Lehren und Lernen besuchen. Damit bestätigt sich auch hier die Annahme aus dem Kompetenzmodell, dass konzeptuelles Wissen die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse bei der Beobachtung von Unterricht wesentlich steuert und beeinflusst. Dies wird auch untermauert durch die Zusatzstudie, in denen die Anzahl besuchter Kurse zum Thema Lehren und Lernen sowie das Interesse an diesem Thema die Kompetenz zur Professionellen Unter-richtswahrnehmung vorhersagen. Mit dem Instrument Observer konnten ebenfalls positive Entwick-lungen in der Professionellen Unterrichtswahrnehmung im Verlauf eines Praxissemesters gemessen werden. Diese Entwicklungen fielen in den Effektstärken aber geringer aus als im Vergleich zu wis-sensbezogenen Hochschulseminaren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Aufgabenspektrum der Studierenden (als ein vorgezogener Einstieg in die Praxisphase durch eine Verkürzung des Referen-dariats in Thüringen) im Praxissemester sehr breit war und gleichzeitig die Anzahl der Sitzungen mit Inhalten zum Thema Lehren und Lernen um 1/3 geringer war als in den Hochschulseminaren. Für weitere Studien wird also zu prüfen sein, ob sich eine Erhöhung der „Dosierung“ von universitären Begleitveranstaltungen positiv auf die erzielten Effektstärken auswirkt.

Das Tool Observer wird mittlerweile von mehreren Forschergruppen in Deutschland, der Schweiz und den USA eingesetzt und weiter erprobt (siehe Kooperationspartner). Für die Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe um Miriam Sherin und Hilda Borko wurden die Rating-Items des Observer übersetzt und die Videosequenzen mit englischen Untertiteln versehen. Gegenwärtig wird diese Observer-Version in der Lehrerausbildung an der Northwestern University in Chicago erprobt. In Zusammenar-beit mit Hilda Borko und Nanette Seago werden seit dem Sommer 2010 Anpassungen für den Ma-thematikunterricht in den USA vorgenommen. An der TUM School of Education der Technischen Uni-versität München, wird der Observer ab dem Wintersemester 2010/2011 für alle Kohorten als Pre-Mid- und Post-Test im Verlauf des TUMpaedagogicum (2. Studienjahr mit studienbegleitenden Praxiserfah-rungen) eingesetzt.

Mittlerweile berichten Qualitätsmedien über das Observe-Projekt. Tina Seidel stellte Observe im Rah-men eines Interviews mit Dr. Christoph Kucklick zum Thema „Der gute Lehrer“ vor. Der Beitrag wurde in der Februar 2011 Ausgabe der Zeitschrift GEO veröffentlicht. Tanjev Schulz berichtete über Observe in der Süddeutschen Zeitung am 18. Dezember 2010. Außerdem filmte der Bayrische Rund-funk Studierende bei der Bearbeitung des Observer und interviewte Geraldine Blomberg zum Observe Projekt am 16. Dezember 2010. Der Beitrag wird im Verlauf des Januar / Februar 2011 ausgestrahlt. Manfred Prenzel berichtete in einer Sendung des BR alpha Forum (ausgestrahlt am 9.11.2010 und 10.11.2010) über Erkenntnisse aus Videostudien- und dem Observe-Projekt.

 

 

 

Informationen über alle Projekte

Projektreader mit Kurzbeschreibung und Forschungsstand 2011