Literarästhetische Urteilskompetenz

Literarästhetische Urteilskompetenz (Frederking / Meier / Roick / Stanat; 2007-2013)

Kurzbeschreibung

Laufzeit seit 2007

 

 Der Entwicklung literarästhetischer Urteilskompetenz wird im Rahmen von Bildungsstandards und Lehrplänen für das Fach Deutsch eine zentrale Bedeutung beigemessen. Bislang liegt jedoch keine klare Bestimmung des Konstrukts vor. Ziel des geplanten Projekts ist es, vor allem auf der Grundlage ästhetischer Semiotik ein Modell literarästhetischer Urteilskompetenz zu entwickeln und zu prüfen. Dabei werden drei Dimensionen literarästhetischer Kompetenz unterschieden: semantisches literarästhetisches Urteilen, idiolektales literarästhetisches Urteilen und kontextuelles literarästhetisches Urteilen. Diese Dimensionen sollen unter Berücksichtigung von Annahmen über Anforderungsniveaus mit Aufgaben operationalisiert und erprobt werden. Anschließend werden die Hypothesen über Dimensionalität und Anforderungsmerkmale unter Heranziehung von Einschätzungen schwierigkeitsgenerierender Merkmale geprüft. In einem letzten Schritt schließlich soll das Konstrukt an einer Reihe von Außenkriterien validiert werden. Die geplanten Studien werden Aufschluss darüber geben, inwieweit sich literarästhetische Urteilskompetenz empirisch bestimmen und von allgemeiner Lesekompetenz abgrenzen lässt. Die Ergebnisse werden eine theoretische und empirische Fundierung sowohl für die Lehrlernforschung und also auch für die Evaluation der erreichten schulischen Ziele in diesem Bereich bilden und auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Deutschunterrichts leisten.

 

Forschungsstand 2009

Der Entwicklung literarästhetischer Urteilskompetenz wird im Rahmen von Bildungsstandards und Lehrplänen für das Fach Deutsch eine zentrale Bedeutung beigemessen. Bislang liegt jedoch keine klare Bestimmung des Konstrukts vor. Ziel des geplanten Projekts ist es, vor allem auf der Grundlage ästhetischer Semiotik ein Modell literarästhetischer Urteilskompetenz zu entwickeln und empirisch zu prüfen. Das Modell differenziert drei Dimensionen literarästhetischer Urteilskompetenz (LUK): (1) Semantisches literarästhetisches Urteilen, (2) Idiolektales literarästhetisches Urteilen und (3) Kontextuelles literarästhetisches Urteilen. Die semantische LUK bezieht sich auf die Fähigkeit zur Erschließung zentraler Textinhalte und zur Generierung einer kohärenten Textdeutung. Unter idiolektaler LUK wird die Fähigkeit verstanden, die Strukturmerkmale des Textes zu berücksichtigen, aufgrund derer ein Text verschiedene semantische Interpretationen hervorbringen kann. Kontextuelle LUK bezeichnet schließlich die Fähigkeit, in die Interpretation des Textes auch relevante Kontextinformationen – etwa Informationen über die Entstehungszeit des Werkes oder motivgeschichtliche Bezüge – einbeziehen zu können. Auf der Grundlage dieser Dimensionen sowie Annahmen über Anforderungsniveaus wurden 21 Aufgaben-Units entwickelt und im Rahmen einer Cognitive Lab Prozedur eingehend geprüft. Sechzehn dieser Aufgaben-Units wurden im Rahmen einer empirischen Pilotierung an einer Stichprobe von 277 Schülerinnen und Schülern aus neunten Klassen hinsichtlich ihrer Item- und Skalengüte untersucht. Schließlich wurden neun Aufgaben-Units für die Haupterhebung ausgewählt und an über 1083 Neuntklässlern aus allen drei Schulformen gemeinsam mit relevanten Außenkriterien erhoben, u.a. auch die allgemeine Lesekompetenz. Die Modellierung der drei postulierten Dimensionen weist auf eine hinlängliche interne Validität des Konstrukts hin. Die Analysen zeigen, dass sich literarästhetische Urteilskompetenz als dreidimensionales Konstrukt bestimmen lässt. Noch angemessener lassen sich die Daten jedoch über ein vereinfachtes zweidimensionales Modell abbilden, welches nur zwischen semantischer und idiolektaler LUK differenziert. In Bezug auf die kriteriale Validität weisen die Ergebnisse darauf hin, dass sich LUK von allgemeiner Lesekompetenz abgrenzen lässt und substanzielle Zusammenhänge zu Schulleistungen aufweist. Die Validitätsbefunde werden in geplanten Teilprojekten genauer geprüft und spezifiziert. Eine weitere Teilstudie wird sich mit der Entwicklung des Konstrukts befassen. Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es gelungen ist, eine theoretische und empirische Fundierung sowohl für die Lehr-Lernforschung als auch für die Evaluation der erreichten schulischen Ziele im Bereich der literarästhetischen Urteilskompetenz zu liefern.

Forschungsstand 2011

Der Entwicklung von Lesekompetenz wird im Rahmen von Bildungsstandards eine zentrale Bedeutung für die aktive Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beigemessen (Artelt, Stanat, Schneider, Schiefele & Lehmann, 2004). Obwohl der Bereich des allgemeinen Leseverstehens seitens der empirischen Forschung mittlerweile sehr gut erschlossen ist, gehört die genauere Untersuchung literarischen Textverstehens zu den schwierigeren und bislang weniger gut untersuchten Bereichen sprachbezogener Bildungsforschung. Im Rahmen der ersten Förderperiode wurde auf der Grundlage der ästhetischen Semiotik ein Modell literarästhetischer Urteilskompetenz (LUK) zur Erfassung literarischen Textverstehens entwickelt und empirisch geprüft. Die Befunde weisen darauf hin, dass sich das LUKKonstrukt mehrdimensional darstellt und sich ein derart konzeptualisiertes literarisches Textverstehen von einem eher informatorischen Textverstehen abgrenzen lässt (Roick et al., 2010). Im Rahmen der zweiten Förderperiode sollen spezifische Determinanten identifiziert werden, um die Validität des Konstrukts literarästhetische Urteilskompetenz vor allem aus einer längsschnittlichen Perspektive der Leistungsentwicklung belegen zu können. Weiter soll zur Analyse der differenziellen Validität im unteren Leistungssegment durch leichtere Aufgaben die Differenzierung optimiert werden. Dazu wurden sechs neue Aufgaben-Units und zusätzlich leichtere Aufgaben zu bestehenden LUK-Units entwickelt und im Rahmen einer Cognitive Lab Prozedur erprobt. Vier der neuen Aufgaben-Units sowie 10 bewährte Units wurden schließlich im Rahmen einer empirischen Pilotierung an Schüler/innen der 8. Klassenstufe umfassend empirisch erprobt. Die Pilotierungsdaten weisen darauf hin, dass die geplante Vereinfachung der Testaufgaben gelungen ist. Weitere Analysen zur differenziellen Validität sollen im Rahmen eines quasiexperimentellen Settings untersucht werden. Für den ersten Messzeitpunkt der längsschnittlichen Haupterhebung wurden sechs LUK Units ausgewählt und gemeinsam mit verschiedenen Fragebogenskalen sowie sechs Aufgaben-Units zur Lesekompetenz an ca. 1000 Schüler/innen aus neunten Klassen erhoben. Die vorläufigen Befunde bestätigen eine Differenzierung zwischen dem literarischen Textverstehen (LUK) und dem Leseverstehen im Sinne der vorherrschenden Lesekompetenzmodelle, selbst wenn beim Leseverstehen ausschließlich literarische Stimuli einbezogen werden.

 

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Projektreader mit Kurzbeschreibung und Forschungsstand 2011