Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetenz - Modellentwicklung und Validierung (Soellner / Rudinger; 2007-2009)

Kurzbeschreibung

Laufzeit 2007- 2009

 

Im Rahmen des geplanten Projektes soll ausgehend von den Arbeiten zur Gesundheitskompetenz (Kickbusch, 2001; Kickbusch, Maag & Saan, 2005; Nutbeam, 2000; Sihota & Lennard, 2004) ein umfassendes Modell des bislang theoretisch wenig verankerten Konzeptes der Gesundheitskompetenz entwickelt werden. Das Modell soll Aufschluss über die innere Struktur und Zusammensetzung der Gesundheitskompetenz geben sowie dessen Beziehungen zu verwandten Konstrukten kognitiver Art aufzeigen. Das so entwickelte Kompetenzstrukturmodell kann in einem weiteren Schritt als Grundlage für die Entwicklung von bereichs- und stufenspezifischen Gesundheitskompetenztests im schulischen Kontext verwendet werden.


Forschungsstand 2009

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat mit ihrer Neudefinition des Begriffs der Gesundheitskompetenz  das Konstrukt deutlich erweitert. Gesundheitskompetenz bezeichnet nach dieser Definition die Gesamtheit aller kognitiven und sozialen Fertigkeiten, die Menschen dazu motivieren und befähigen, Informationen zur Förderung und Erhaltung ihrer Gesundheit zu beschaffen, zu verstehen und zu nutzen. Bis heute existiert jedoch kein Konsens darüber, was genau unter dem Begriff der Gesundheitskompetenz zu verstehen ist und welche Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Kompetenz ausmachen. Das Projekt „Gesundheitskompetenz – Modellbildung und Validierung“ arbeitet an der Entwicklung eines umfassenden, theoretisch fundierten und methodisch gestützten Strukturmodells der Gesundheitskompetenz. Ausgehend von einem kognitiv orientierten Kompetenzbegriff wurde im Rahmen eines Concept Mappings eine zweistufige, online gestützte Expertenbefragung mit Theoretiker(inne)n und Praktiker(inne)n aus dem Gesundheitsbereich sowie der Projektleitung durchgeführt. In der ersten Phase der Expertenbefragung (N = 99) wurden Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Gesundheitskompetenz gesammelt. Diese wurden in der zweiten Phase von Expert(inn)en (N = 27) nach inhaltlichen Kriterien strukturiert. Die so gewonnenen Datensätze wurden aggregiert und mittels multidimensionalen Skalierens und einer hierarchischen Clusteranalyse in ein sog. Concept Map überführt. Dieses Concept Map gibt Auskunft über die inhaltlichen Facetten der Gesundheitskompetenz und erlaubt Rückschlüsse über deren strukturelle Beziehungen zueinander. So wurden acht Facetten der Gesundheitskompetenz identifiziert, welche sich zum Teil weiter in übergeordnete Personen- und Systemdimensionen gruppieren lassen: (1) Selbstwahrnehmung, (2) Selbstregulation, (3) Verantwortungsübernahme für die eigene Gesundheit, (4) Informationsbeschaffung, (5) Informationsverarbeitung, (6) Systemwissen und -handeln, (7) Kommunikation und Kooperation sowie (8) Grundfertigkeiten (literacy, numeracy). Unter Einbezug von Praktiker(inne)n, die täglichen Umgang mit Personen der anvisierten Altersgruppen haben, wurden in mehreren Workshops Verhaltensindikatoren für das theoretische Gesundheitskompetenzmodell erarbeitet und in einem weiteren Schritt in zwei Fragebögen (12- und 18-Jährige) operationalisiert. Mit Ausnahme der Grundfertigkeiten und des Systemwissens, welche per Multiple-Choice Aufgaben erhoben wurden, erfolgte die Erfassung der Facetten per Selbstauskunft. Die Fragebögen wurden so konzipiert, dass sie von der jeweiligen Altersgruppe innerhalb einer Schulstunde zu beantworten sind. Die empirische Überprüfung der Teilbereiche des Modells wurde durch zwei Datenerhebungen (12-Jährige: N = 345; 18-Jährige: N= 282) an Bonner Schulen vorgenommen. Bei den 12-Jährigen ließen sich in einer explorativen Faktorenanalyse der Selbstauskunfts-Items (Hauptachsenanalyse mit Promax-Rotation) drei Komponenten abbilden: (1) Umgang mit sich und seiner Gesundheit, (2) Kommunikation und Kooperation sowie (3) kritischer Umgang mit Gesundheitsinformationen. Diese drei Faktoren lassen sich als Trias „Selbst - Information – Kommunikation“ interpretieren und klären 43% der Varianz auf. Bei den 18-Jährigen zeigte sich eine stärker ausdifferenzierte Struktur mit sechs Faktoren, die knapp 50% der Varianz aufklären und zusammen mit den Grundfertigkeiten und dem Systemwissen näherungsweise die theoretisch zu erwartende Struktur abbilden: (1) Gesundheit als aktiv herzustellendes Ziel („Verantwortungsübernahme“), (2) Systemhandeln, (3) Selbstwahrnehmung, (4) Kommunikation und Kooperation, (5) Selbstregulation und (6) kritischer Umgang mit Gesundheitsinformationen („Informationsverarbeitung“). Die Komponenten der Selbstregulation und Informationsverarbeitung lassen sich allerdings nur bedingt abbilden, was vermutlich an der Art der Operationalisierung in Form von Selbstauskünften liegt. Der Aspekt der Informationsbeschaffung, der im Concept Map eine eigenständige Facette darstellt, ließ sich bei den 12-Jährigen nicht abbilden. Dies überrascht nicht, weil in diesem Alter i.d.R. noch kaum selbstständig Gesundheitsinformationen beschafft werden müssen. Bei den 18-Jährigen fiel dieser Aspekt mit Systemhandeln zusammen, was sich dadurch erklären lässt, dass Informationsbeschaffung immer im Rahmen des Systems erfolgt und somit einen Teil des Systemhandelns darstellt. Die Aufgaben zur Erfassung der Grundfertigkeiten und des Systemwissens wurden von Gymnasiasten signifikant häufiger richtig gelöst als von Realschülern und Hauptschülern. Dies spricht dafür, dass die Aufgaben geeignet sind, zwischen den Schultypen zu differenzieren.

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