Diagnostische Kompetenz

Diagnostische Kompetenz von Grundschullehrkräften bei der Erstellung der Übergangsempfehlung: eine Analyse aus der Perspektive der sozialen Urteilsbildung (Gräsel / Krolak-Schwerdt; 2007-2014)

Kurzbeschreibung

 Laufzeit seit 2007

Das Projekt untersucht die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften für die Erstellung der Übergangsempfehlung auf die weiterführende Schule. Diese Empfehlung ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Bildungssystem, da sie für einen großen Teil der Kinder den weiteren Bildungsweg festlegt. Wir untersuchen auf der theoretischen Grundlage der sozialen Urteilsbildung, wie Grundschullehrkräfte Merkmale der Schüler (Leistungsmerkmale, soziale Merkmale und Merkmale des Lern- und Arbeitsverhaltens) für die Übergangsempfehlung nutzen und verarbeiten. Generell gehen wir von der Annahme aus, dass eine vollständige Verarbeitung relevanter diagnostischer Informationen die angemessene Strategie der Informationsverarbeitung darstellt und hoher diagnostischer Kompetenz entspricht. Unsere zentrale Hypothese ist, dass diese informationsintegrierende Strategie eher dann auftritt, wenn die Informationen über die Schüler widersprüchlich sind (z. B. divergierende Noten) und/oder die Lehrperson in der Verantwortung für ihr Urteil steht, d.h. ein Urteil mit bindendem im Gegensatz zu einem empfehlenden Charakter abgibt. Diese Annahme wird in drei Experimenten überprüft; zusätzlich führen wir eine Validierungsstudie durch, die zeigt, ob die experimentell gefundenen Befunde auf reale Entscheidungssituationen übertragbar sind.

 

Forschungsstand 2009

 Das Projekt untersucht die diagnostische Kompetenz von Grundschullehrkräften bei der Erstellung der Übergangsempfehlung auf die weiterführende Schule. Diese Empfehlung spielt bei der Wahl einer Schulform eine wichtige Rolle, da die Eltern in ihrer Bildungsentscheidung häufig den Empfehlungen folgen und das Lehrerurteil in einigen Bundesländern bindend ist. Auf der theoretischen Grundlage der sozialen Urteilsbildung untersuchen wir, welche Informationen der Schülerinnen und Schüler (Leistungsmerkmale, soziale Merkmale und Merkmale des Lern- und Arbeitsverhaltens) Lehrkräfte als relevant erachten, welche sie tatsächlich nutzen und wie sie diese für die Übergangsempfehlung verarbeiten. Generell gehen wir von der Annahme aus, dass eine vollständige Verarbeitung relevanter diagnostischer Informationen die angemessene Strategie der Entscheidungsfindung darstellt und hoher diagnostischer Kompetenz entspricht. Unsere zentrale Hypothese ist, dass diese informationsintegrierende Entscheidungsfindung eher dann auftritt, wenn die Informationen über die Schüler widersprüchlich sind (z.B. divergierende Noten) und/oder die Lehrperson in der Verantwortung für ihre Entscheidung steht, d.h. ein Urteil mit bindendem im Gegensatz zu einem empfehlenden Charakter abgibt.


In unserem Projekt werden die folgenden zentralen Fragestellungen untersucht:

a)    Welchen Einfluss üben die Faktoren Entscheidungsverantwortung und Falltypikalität auf die Informationssuche und den Entscheidungsprozess der Lehrkräfte aus (Frage nach Moderatoren der Informationsverarbeitung)?

b)    Sind die Entscheidungsprozesse, die sich bei der Bearbeitung von experimentell präsentierten Schülerfällen finden lassen, auch im Kontext realer Übergangsempfehlungen aufzeigbar (Frage nach der ökologischen Validität von Fällen)?

c)    Führt die informationsintegrierende Verarbeitung tatsächlich zu einer diagnostisch kompetenten Entscheidung (Frage nach der prognostischen Validität)?


Die erste Forschungsfrage wird in drei Experimenten überprüft, wobei Schülerfallvignetten, die Mouselab-Technik und die Technik des lauten Denkens zum Einsatz kommen. Zusätzlich führen wir eine Validierungsstudie durch, die zeigen soll, ob die experimentell gefundenen Befunde auf die reale Entscheidungssituation übertragbar sind und ob die Lehrerempfehlungen prognostisch valide sind. Die Untersuchungsteilnehmer sind erfahrene Grundschullehrkräfte aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.


Zur Vorbereitung der Hauptuntersuchungen wurden mehrere Vorstudien durchgeführt. Ziel der Vorstudien ist es zunächst, die Sichtweise der Lehrkräfte bei der Erstellung der Übergangsempfehlung zu untersuchen. Dazu wurden erfahrene Grundschullehrkräfte in einem leitfadengestützten Interview nach denjenigen Eigenschaften von Grundschulkindern befragt, welche aus ihrer Sicht für eine Übergangsempfehlung relevant sind. Unsere Befunde zeigen, dass neben der Schulleistung (Hauptfachnoten) und der Leistungsentwicklung über die Zeit vor allem Eigenschaften des Arbeits-, Lern- und Sozialverhaltens (z.B. Selbstständigkeit, Kooperation) als übergangsrelevante Kriterien genannt werden. Aus dem Bereich des sozialen Hintergrundes des Schülers kommt aus der Sichtweise der Lehrkräfte nur der verfügbaren Unterstützung des Elternhauses eine große Bedeutung zu.

Zusätzlich wurde anhand eines Vergleichs von Lehrpersonen aus zwei Bundesländern mit unterschiedlich verbindlichen Übergangsregelungen (NRW, RP) untersucht, ob Lehrkräfte aus diesen Bundesländern unterschiedliche Eigenschaften beim Übergang als wichtig erachten. Die Ergebnisse zeigen, dass die als relevant eingeschätzten Eigenschaften sich bei den Lehrkräften aus beiden Bundesländern kaum unterscheiden. Die gefundenen geringen Unterschiede stimmen dabei mit den bundeslandspezifischen Vorgaben überein. Um weiteren Aufschluss über charakteristische Eigenschaften zur Beschreibung von Schülerinnen und Schülern zu erhalten, wurden in einer weiteren Vorstudie aktuelle Schülerstereotype von Grundschullehrkräften erhoben.


Die in den Vorstudien genannten Eigenschaften dienen u.a. als Grundlage zur Konstruktion der Schülerfallvignetten, die sowohl in den Experimenten, als auch in der Validierungsstudie verwendet werden. Zu den einzelnen Eigenschaften wurden Beschreibungssätze formuliert, so dass fiktive Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Leistungsniveaus und Falltypikalität entstanden. Die einzelnen Sätze wurden in einer weiteren Vorstudie von neu akquirierten Grundschullehrkräften dahingehend bewertet, inwieweit sie relevante Informationen für die Entscheidung über eine angemessene Übergangsempfehlung beinhalten. Hierbei zeigte sich eine große Übereinstimmung mit den in den anderen Vorstudien genannten übergangsrelevanten Schülereigenschaften.


Während die experimentellen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, liegen für die erste Phase der Validierungsstudie bereits erste Ergebnisse vor. In dieser Studie wurden Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer gebeten, ihre eigenen Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse in übergangsrelevanten Eigenschaften einzuschätzen und anzugeben, für welche Schulform sie die Empfehlung erteilt haben. Diese Angaben erlauben die Modellierung des realen Entscheidungsprozesses der Lehrkräfte für ihre eigenen Schüler. Nach Ende der Sommerferien erfolgt die zweite Phase der Validierungsstudie, in welcher diese Lehrkräfte nun Übergangempfehlungen für die in den Fallvignetten dargestellten Schüler treffen. Dies ermöglicht den Vergleich der modellierten Entscheidungsprozesse zwischen Kontexten mit unterschiedlicher ökologischer Validität.

In Übereinstimmung sowohl mit der bisherigen Übergangsforschung als auch der Lehrersichtweise zeigen unsere vorläufigen Ergebnisse, dass zur Erstellung realer Übergangsempfehlungen primär die Noten in den Kernfächern (Deutsch und Mathematik und Sachunterricht) herangezogen werden. Die Befunde deuten jedoch weiterhin darauf hin, dass auch der Migrationshintergrund, der aus Sicht der Lehrer nicht relevant ist, bei der tatsächlich erteilten Übergangsempfehlung eine Rolle spielt. In der zweiten Phase der Validierungsstudie wird nun überprüft, in wie weit die realen Empfehlungen mit den Übergangsentscheidungen bei den Schülervignetten übereinstimmen.

Forschungsstand 2011

Ziel unseres Vorhabens ist es, die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften bei der Erstel-lung der Übergangsempfehlung von der Grundschule auf die weiterführende Schule zu untersuchen. Unser Projekt verfolgt drei übergeordnete Ziele:

(1) Analyse von Entscheidungsstrategien: Wir untersuchen, welche Strategien Lehrpersonen in welchen Entscheidungssituationen verwenden. Wir untersuchen, bei welchen Fällen und in welchen Kontextbedingungen Lehrkräfte von einem informationsintegrierenden Modus abweichen und mit einfachen heuristischen Strategien Übergangsentscheidungen treffen. Bei einer heuristischen Vorgehensweise werden nur wenige Informationen eingeholt und stereotypenbezogene Merkmale, z.B. der sozioökonomische Hintergrund, stark beachtet. Bei einer informationsintegrierenden Vorgehensweise werden alle relevanten Informationen eingeholt und mit unterschiedlichen Gewichten in der Entscheidung berücksichtigt werden.

(2) Externe (ökologische) Validität: Wie viele Projekte verwenden auch wir für unser Projekt Fallvignetten zur Erfassung der Kompetenz. Wir untersuchen, inwieweit bei verschieden gestalteten Fällen ähnliche bzw. unterschiedliche kognitive Prozesse stattfinden. Damit gehen wir der Frage nach, welche Merkmale Fallvignetten aufweisen müssen, die auf möglichst ökologisch valide Weise Kompetenzen messen.

(3) Prognostische Validität: Wir untersuchen, welche Entscheidungsstrategien mit einer hohen prognostischen Validität der Übergangsentscheidung einhergehen.

Folgendes sind die zentralen Ergebnisse, die im bisherigen Forschungsprojekt erzielt wur-den:

• Die Noten sind für die Lehrkräfte die entscheidenden Prädiktoren für die Übergangsempfehlung; der Deutschnote kommt dabei eine besonders entscheidende Rolle zu. Variablen des Lern- und Arbeitsverhaltens sowie des sozioökonomischen Hintergrunds der Familien spielen eine geringe Rolle – gänzlich bedeutungslos sind sie aber nicht.

Lehrkräfte beurteilen Fälle aus der eigenen Klasse in derselben Weise wie Fallvignetten, die ihnen zur Beurteilung vorgegeben werden. Das spricht für eine externe Validität von Fallvignetten in Untersuchungen zur diagnostischen Kompetenz.

• Die Konsistenz von Fällen wirkt sich auf die Informationssuche bei computerbasiert präsentierten Fällen aus: Bei der Bearbeitung von konsistenten Fällen (eindeutig gute bzw. schlechte Schüler) wird die Informationssuche frühzeitiger abgebrochen als bei Schülern, die widersprüchliche Merkmale aufweisen (z.B. abweichende Noten in den Hauptfächern). Das spricht dafür, dass inkonsistente Fälle eher mit einer informations-integrierenden Verarbeitungsstrategie beurteilt werden als konsistente Fälle. Eine Variation der Verantwortlichkeit hatte demgegenüber keine Auswirkung auf die Informationssuche. Die Lehrkräfte suchten in der Bedingung „verbindliche Übergangsempfehlung“ nicht mehr Informationen als wenn sie die Instruktion erhielten, ihre Empfehlung habe ausschließlich beratenden Charakter für die Eltern.

• Schließlich zeigte eine experimentelle Prüfung mit computerbasierten Fällen keinen Einfluss von präsentierten Kontextinformationen auf die Informationssuche: Informationen über die Schule, die Klasse und das Schulumfeld hatten in einer ersten Auswertung (für diese Studie sind noch nicht alle Daten erhoben) keinen Einfluss auf die Informationssuche.

 

 

 

 

 

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