Kaufmännische Berufsausbildung

Kompetenzorientierte Assessments in der kaufmännischen Berufsbildung (Winther; 2009-2014)

Kurzbeschreibung

Laufzeit seit 2009

 

Das Forschungsvorhaben prüft, inwieweit die in den Schulleistungsstudien, die sich auf den allgemeinbildenden Bereich beziehen, zur Anwendung gekommenen empirischen Methoden auch für den Bereich der kaufmännischen Berufsbildung nutzbar gemacht werden können. Hierfür werden IHK-Abschlussprüfungen für Industriekaufleute (n=2.365) analysiert. Zum anderen wird versucht, neue Formen einer fachdidaktisch begründeten und empirisch überprüfbaren Kompetenzmodellierung zu entwickeln. Hierbei werden insbesondere auch Fragen der Kompetenzentwicklung in beruflichen Anforderungssituationen in den Blick genommen. Mit Hilfe einer auf begründeten Bewertungsmodellen basierenden Kompetenzorientierung von Assessmentverfahren im Bereich der Berufsbildung sollen sowohl individuelle Voraussetzungen als auch mögliche Förderpotentiale und notwendige Fördermaßnahmen präziser bestimmt werden. Das Ziel ist folglich, nicht nur Kompetenzen zu messen, sondern auch mit Hilfe der Ergebnisse passende Förderangebote in der beruflichen Bildung zu entwickeln.


Forschungsstand 2011

Das Projekt zielt auf die Frage, ob sich kaufmännische Abschlussprüfungen als kompetenzorientierte Assessments interpretieren lassen. Mit den Prüfungsaufgaben, die auf der Grundlage der lernfeldorientierten Curricula und der Ausbildungspläne der kaufmännischen Ausbildungsberufe gestaltet werden, wird die Forderung erhoben, berufliche Handlungskompetenz abzubilden. Hierbei – so die Annahme – handelt es sich jedoch eher um eine normative Zielsetzung und nicht um reale Prüfungspraxis. Hierfür sprechen mindestens zwei Gründe: Die IHK-Abschlussprüfungen als summatives Assessment eines Ausbildungsganges sind (1) nicht unter dem Fokus einer beruflichen Kompetenzmessung entwickelt worden, wenngleich die Gestaltung der Bildungsgänge dem Primat der beruflichen Handlungskompetenz folgt bzw. folgen sollte, und sie haben (2) keine Anbindung an Entwicklungen der neueren Lehr-Lern-Theorie, so dass Kompetenzerwerbsprozesse und damit verbundene Vermittlungsprozesse nicht angemessen erfasst werden. Mit Hilfe der Prüfungsaufgaben des Berufs Industriekaufmann / Industriekauffrau werden aus dieser Perspektive insbesondere drei Forschungsfragen versucht zu beantworten: Es wird erstens geprüft, inwieweit die Assessments im Bereich der kaufmännischen Berufsbildung psychometrisch valide sind. Dies umfasst insbesondere eine Prüfung der Konstruktvalidität. Zweitens wird auf Basis dieser Ergebnisse versucht, neue Formen einer fachdidaktisch begründeten und empirisch überprüfbaren Domänen- und Kompetenzmodellierung zu entwickeln (2. Förderperiode des SPP 1293). Mit Hilfe einer solchen Kompetenzorientierung von Assessmentverfahren im Bereich der Berufsbildung sollen drittens und perspektivisch sowohl individuelle Voraussetzungen als auch mögliche Förderpotentiale und notwendige Fördermaßnahmen auf der Grundlage dynamischer Wachstumsmodelle präziser bestimmt werden (3. Förderperiode des SPP 1293).

Für die Analyse ist bedeutsam, dass sich Kompetenzkonzepte im kaufmännischen Bereich von denen des allgemeinbildenden Bereichs (wie sie beispielsweise in den PISA- und TIMS-Studien untersucht wurden) durch die Betonung einer Handlungsdimension unterscheiden. Für kaufmännische Kompetenzmodelle ist daher zu fordern, dass sie zur Erklärung tätigkeitsspezifischer Leistungsfähigkeiten beitragen können und gleichsam berücksichtigen, in welchem Umfang allgemeine Fähigkeiten, wie die Behandlung ökonomischer Fragen im Alltagskontext auf Basis sprachlicher und/oder mathematischer Fähigkeiten die Lösung betrieblicher Probleme bedingen. Für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann / Industriekauffrau liegt ein Kompetenzstrukturmodell vor, das sich durch eine weitreichende Adaptivität in der (heuristischen) Modellierung auszeichnet und von dem angenommen wird, das es sich auch für die IHK-Prüfungsaufgaben empirisch validieren lässt. Im Kern differenziert dieses Modell zwischen allgemeinen berufsbezogen Kompetenzen (Konzept der Literalität) und berufsspezifischen Kompetenzen, mit denen vornehmliche berufliche Tätigkeiten abgebildet werden (Konzept der Professionalität). Für die Validierung liegen 1.768 Prüfungshefte des Prüfungsjahrganges 2008 vor. Die ersten Analysen zeigen, dass – auf Basis der Korrekturen der Lehrenden – systematische Itembiases auftreten, wodurch (1) das Identifizieren von Fähigkeitsstrukturen, die der Test abbildet und (2) eine Skalierung der Testitems deutlich beeinträchtigt wird. Hinzukommt, dass die kaufmännischen Abschlussprüfungen nicht konstruktvalide sind – einzelne Aufgaben der kaufmännischen Abschlussprüfungen erfassen weniger individuelle Leistungsfähigkeiten als vielmehr Artefakte. Diese Aussage bezieht sich darauf, dass für einzelne Items des Tests systematische Verzerrungen im Hinblick auf exogene Variablen (wie Betriebsgröße, Geschlecht der Prüflinge und bisheriger Schulabschluss) auftreten. Dies hat zur Folge, dass Items, die zwar inhaltlich ein ähnliches Konstrukt erfassen, keine konsistente Beziehung aufweisen.

Die durch die Korrekturen der Lehrenden entstandenen Verzerrungen konnten durch eine vollständige Neukodierung und Neukorrektur der Prüfungshefte behoben werden.1 Die ersten Befunde zeigen, dass bei Neukodierungen der Items die Häufigkeitsverteilungen des Antwortverhaltens in einem Item i erheblich von den Verteilungen auf Basis der Korrekturen der Lehrenden abweichen – dies mit den entsprechenden Konsequenzen für die Item- und Skalenkennwerte sowie die Skalierbarkeit des Tests. Insgesamt verdeutlichen die bisherigen Befunde, dass die Items der IHK-Abschlussprüfungen im Ausbildungsberuf Industriekaufmann/-frau inhaltlich wie empirisch in hohem Maße Limitationen aufweisen. Dabei sind insbesondere die verschiedenen Validitätskonzepte betroffen.

 

 

 

Projektbeteiligte

Prof. Dr. Esther Winther

Viola Klotz

Ina Philipp

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